Lange bevor Berlin eine Bedeutung erhielt, soll sich eine Geschichte abgespielt haben, deren Legende zum Bau eines Denkmals führte: das Jaczo-Denkmal aka Schildhorndenkmal an der Spitze der Halbinsel Schildhorn. Und ist die Legende tatsächlich die Namensgeberin für Schildhorn?

Der Stadtteil Köpenick war einst der Sitz eines mächtigen Slawenfürsten. Der Fürst Jaxo (Jaczo) regierte den slawischen Stamm der Sprewanen. Dieser Stamm teilte sich das Gebiet im Westen mit den Hevellern, die dem Havelland ihren Namen verliehen. Sie selbst nannten ihren Stamm Stodoranen und standen den Sprewanen zuweilen auch feindlich gegenüber. Ihre Burg befand sich in Brandenburg an der Havel. Die Stammesgebiete endeten wohl zwischen der Hochfläche Teltow einerseits, den Hochflächen Zauche und Havelland andrerseits. Die gefundenen Burgen, aufgefädelt am Verlauf der Nuthe, geben einen Hinweis auf den Grenzverlauf, der auch die Havel einbezog. In der Grenzstadt Spandau stand eine weitere Burg der Heveller.

Brandenburg im 12. Jahrhundert – Die Umstände der Legende

Schon zwei Jahrhunderte lang drangen immer wieder christliche Krieger ins Land der Slawen. Es waren die Sachsen, die immer tiefer nach Osten vorstießen. Sie unterwarfen die ansässigen Stämme bis zur Oder im 10. Jahrhundert, die teils tributpflichtig wurden. Doch die slawischen Stämme verbündeten sich unter der Führung der Lutizen und probten den Aufstand. Sie waren für die sächsischen Krieger schwer zu fassen, da sie keine zentrale Führungsstruktur hatten. Ihr Aufstand brachte den Slawen im heutigen Berlin-Brandenburg eine Galgenfrist von 150 Jahren.

Doch die Gier der deutschen Fürsten nach Land führte zum Aufruf zur Christianisierung der Slawen durch den Mönch Bernhard von Clairvaux. Dieser Mönch war übrigens der Gründungsvater der Zisterzienser, die später das Land erhielten und besiedelten. Sie gründeten unter anderem Zehlendorf. Clairvauxs Aufruf zum Kreuzzug gegen die Slawen folgten zuvorderst die sächsischen Fürsten: Albrecht der Bär (Askanier) und Heinrich der Löwe. Sie standen sowohl in ihrer Heimat als auch in diesem Wenden-Kreuzzug in Konkurrenz zueinander. Die beiden teilten sich das eroberte Gebiet entlang der Elbe.

Der Wendenkreuzzug fand 1147 vor allem in Mecklenburg-Vorpommern statt, wo die Slawen bald christianisiert waren und sich der Vorwand damit erledigt hatte. Schon 20 Jahre zuvor gab es Ambitionen der Askanier auf das Land. Sie verbündeten sich mit dem Hevellerfürst Pribislaw im Jahr 1127. Mit der Jaxa-Legende könnte auch er gemeint sein. Der Hevellerfürst war damals bereits christlich und wurde schon als Kind auf den Namen Heinrich getauft. Lange Zeit glaubte man, er wäre erst im Fürstenamt dem Christentum beigetreten. Die Westbindung dieses Stammes war auch politisch verordnet. Der Askanier Albrecht der Bär hatte sich die Gunst des slawischen Fürsten gesichert und war als sein Erbe eingesetzt. Im Jahr 1150 starb der Hevellerfürst Pribislaw-Heinrich und ohne Kampf übernahm Albrecht der Bär das Land der Heveller.

Schild und Kreuz Jaczo Denkmal Schildhorn © J. U. Schulze Buschoff
Schild und Kreuz Jaczo Denkmal Schildhorn © J. U. Schulze Buschoff

Die doppelte Eroberung der Burg Brandenburg

Vor diesen Hintergrund verfestigten sich die Spannungen zwischen Köpenick und Brandenburg. Nun war die Grenze zwischen den Hevellern und den Sprewanen nicht nur eine der Religionen der Herrschenden, sondern auch zwischen den deutschen Sachsen und den slawischen Sprewanen, die ihren Göttern die Treue hielten.

Das einfache Volk der Heveller war dem neuen christlichen Herrschern nicht gewogen. Das bot dem Sprewanen-Fürsten Jaxa einen Vorteil. Und der Fürst aus Köpenick pochte aufgrund von Verwandtschaftsverhältnissen darauf, den Thron in Brandenburg zu besteigen. Im Jahr 1157 konnte er dieses Ziel verwirklichen. Er zog im Frühjahr sein Heer auf und bestach die ohnehin verdrießten Wachen, die er zum Schein verhaften ließ. Doch der Triumph blieb ihm nur kurz. Noch im selben Jahr setzte der sächsische Fürst zum Gegenschlag aus.

Am 11. Juni 1157 belagerten die Krieger des Bischofs und die Askanier die Burg. Gegen freies Geleit der Burgbesetzer konnten die Sachsen wieder auf die Burg und das Land zugreifen. Es ist das Geburtsjahr der Mark Brandenburg, da sich Albrecht fortan von Brandenburg nennt.

In jenen schicksalhaften Tagen soll sich die Legende zugetragen haben, in der der Slawenfürst beinahe in den Fluten der Havel ertrunken sein soll.

Sprewanenfürst Jaxa von Köpenick und die Schildhornsage

 Vogelperspektive Jaczo Denkmal Schildhorn © J. U. Schulze Buschoff
Vogelperspektive Jaczo Denkmal Schildhorn © J. U. Schulze Buschoff

Die einen schreiben Jacza, die anderen Jaxa – gemeint ist immer derselbe Fürst der Sprewanen, der Köpenick als Hauptburg auserwählte. In der Diskussion ist noch immer die Frage, ob es sich bei Jaxa um den polnischen Jaksa von Miechow handelte.

Dieser Jaxa ist die Hauptfigur in der aktuellen Variante der Legende. Ich schreibe aktuell, weil es erstaunlich viele Versionen gibt. Und die heutige ist keineswegs die Ursprüngliche – ausgehend vom heutigen Stand der Dinge.

Die Kräfte der christlichen Sachsen und der heidnischen Sprewanen schlugen auf dem Schlachtfeld gegenüber dem Schildhorn aufeinander ein. Die Schlacht verlief zuungunsten der slawischen Krieger, das Heer des Fürsten Jaxa schien geschlagen.

Der Fürst Jaxa ergriff mit zwei Gefolgsmännern die Flucht, welche durch die Havel erschwert war. Der Fluss musste überquert werden. Die Erfolgsaussichten dafür waren wohl in voller Kampfmontur eingeschränkt. Dennoch wagten sich Jaxa und seine Männer in das Gewässer. Ermattet von den Strapazen von Kampf und Flucht versagten die Pferde den Dienst. Sie drohten samt ihrer Reiter mit Schild und Schwert unterzugehen. Jaxa betete zu seinem dreiköpfigen Gott Triglaw, dem er immer ergeben war. Doch der Stammesgott erhörte ihn nicht. So wandte sich der slawische Fürst an den Gott seiner Feinde – den Christengott. Er hob sein Schild über seinen Kopf und bat diesen Gott darum, ihn zu verschonen.

„Die Götter meiner Väter haben mich verlassen;

Gott der Christen rette mich, so bin ich dein ewiglich!“

(August Kopisch: Die königlichen Schlösser und Gärten zu Potsdam. Von der Zeit ihrer Gründung bis zum Jahre 1852. Ernst & Korn, Berlin 1854, S. 19)

Mit einem Mal erhob sich der Fürst aus dem Fluss, als würde ihn eine göttliche Hand am Schild aus dem nassen Grab ziehen, während sich das Pferd mit neuer Kraft ans Ufer retten konnte. An der Eiche, die dort am Ufer an diesem ‚Horn‘ stand, so die Legende, befestigte Jaxa jenes rettende Schild, an dem Gott ihn aus den Fluten herauszog. In der Nähe steht heute das Denkmal für Jaxas Bekehrung zum Christengott, das Jaczo-Denkmal. Wegen des Schilds und des Horns im Text, so wird es kolportiert, soll auch der Name Schildhorn entstanden sein.

Was aus den anderen Reitern wurde, erzählt die Geschichte offenbar nicht.

Versionen der Schildhorn-Legende und die wahre Herkunft des Namens Schildhorn

Im Ursprung dieser Legende soll dem Wasser ein mittelalterlicher Ritter entstiegen sein, der erfolgreich durch die Havel kam und sich damit seinen Verfolgern entzog. Wann, wer und ob sich das tatsächlich so begeben hat, ist nicht belegbar.

Die Frage nach dem Ort ist ebenfalls strittig. Je nach Legende könnte der Schauplatz auch in Sacrow, in Pichelsdorf oder in Lietzow – eben irgendwo an der Havel – gewesen sein. Nicht zu vergessen die Jaczo-Schlucht in Wilhelmstadt.

Die Legende liegt wohl falsch darin, dass das göttlich berührte Schild den Halbinselnamen spendete. Das Wort Schild leitet sich vom slawischen Gewässernamen Styte ab, was vermutlich Schild meint. Das Horn, das nicht nur in der Gegend des Öfteren vorkommt, ist eindeutig ein altes deutsches Wort für Landzunge. Eine andere Theorie meint Schild in der Form der in die Havel hinausreichende Landmasse.

Die Geschichte könnte, so dachten sich das unsere Vorfahren vielleicht, ein bisschen mehr Pep vertragen. Je nach Epoche wurde der ursprüngliche Ritter mit dem Kurfürsten aus dem Dreißigjährigen Krieg oder dem preußischen König aus der Zeit der französischen Besatzung ausgetauscht.

Zuvorderst erhielt aber der Slawenfürst Pribislaw die Ehre. Dass dieser Herrscher der Heveller zu dem Zeitpunkt längst verstorben war, tat der Legendenbildung keinen Abbruch. Er entstieg der Ertrinkungsgefahr allerdings auch in Caputh, als er von einem Treffen mit Albrecht in der Nähe von Potsdam geflüchtet war.

Der Moment der Christianisierung kommt erst im 19. Jahrhundert hinzu. Vermutlich ob der Frage nach dem letzten Slawenfürsten in der Gegend wird bald nicht mehr Pribislaw, sondern Jaxa diese Rolle zugedacht. Valentin Heinrich Schmid und Adolph Friedrich Johann Riedel wandeln die Geschichte nacheinander ab. Seit 1831 ist es die Jaxa-Legende. Und zwischenzeitlich ging auch der Christianisierungsaspekt verloren. Den Passus mit der Eiche fügte Adalbert Kuhn 1843 hinzu.

Schildhorndenkmal: Jaxa-Denkmal am Schildhorn

Das ursprüngliche Denkmal ließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der seine Verbundenheit mit der Kirche untermauern wollte, errichten. Da bot sich offenbar diese Legende an und so wurde Architekt Friedrich August Stüler 1845 beauftragt, dieses Denkmal zu schaffen. Dabei musste er sich nach Skizzen des Königs richten, die nur leicht optimiert wurden. Es war die Zeit der Romantik und diesen Zeitgeist atmete auch der König Friedrich Wilhelm IV. Die romantische Verklärung der Vergangenheit qua Baukunst wurde des gemutmaßten Gründungsakts Brandenburg wegen am Schildhorn vollzogen.

Der Platz des Schildhorndenkmals war dem König durch Jagden im Grunewald vom Schloss Grunewald aus bekannt. Im Sommer 1845 wurde die Sandsteinsäule durch den verantwortlichen Baurat Christian Gottlieb Cantian aufgerichtet. Die Säulenform soll die Eiche nachahmen. Das Rundschild aus Metall stellt den von Gott berührten Schild dar und darüber thront das Kreuz als Zeichen der Christianisierung. Und es wurde mit rund neun Metern höher und teurer als gedacht.

Auf einer Tafel stand:

Grot Wendenfürst, dorch Dine Mut
Es hier dat Denkmal obgebut,
doch hite geft kin Fersten mehr,
De drever swemmt mit Schild und Speer.“

Die Tafel war, anders als die Skulptur, kein Raub des Zweiten Weltkriegs, sondern wurde 1935 entwendet. Dass heute wieder dasselbe Denkmal an dem Platz steht, ist Karl Wenk zu verdanken, der im Team mithilfe alter Fotografien eine Kopie erstellte.

Das ursprüngliche Denkmal, kritisierte schon Fontane, erinnere „halb an Telegraphenpfosten, halb an Fabrikschornsteine.“

Was geschah mit Jaxa?

Im Jahr 1157 begann der deutsche Kaiser, Friedrich Barbarossa, einen Krieg gegen Polen. Nach der Niederlage mussten die Polen ihre Söhne als Geiseln stellen. Der Sohn von Jaxa sollte in Prag leben. Auf der Reise verstarb er allerdings. Somit verlor Jaxa nicht nur die Burg Brandenburg, sondern auch seinen einzigen Sohn. Jaxa, der inzwischen zum Christentum konvertiert war, kehrte zurück nach Köpenick. Er blieb trotz seiner Niederlage in Amt und Würden und zog 1162 sogar noch ins Heilige Land und gründete daraufhin ein Kloster. Er vergrößerte seine Macht und wandte sich Polen zu – und von Köpenick ab. Er starb 1176, aber nicht ohne noch mal zu heiraten.

Wie der Stern Köpenicks allmählich verglühte, so stieg eine neue Stadt empor – na gut zwei eigentlich Cölln und Berlin. Den Grundstein dafür könnte Jaxa gelegt haben, der damals über dieses Gebiet herrschte. Er könnte die ersten Brücken im späteren Berlin errichtet haben, woraufhin sich Siedler niederließen. Die ältesten gefundenen Baumstämme in Berlin sind auf das Jahr 1171 datiert.

Wo befindet sich das Schildhorndenkmal

  • Straße am Schildhorn 7
  • 14193 Berlin
  • GPS: 52.4961527209636, 13.195272796429737

Alle Bilder in diesem Artikel stammen von J. U. Schulze Buschoff. Publikation mit freundlicher Genehmigung.

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