Straßenbahn Linie 96 Kleinmachnow
Man mag es für Eisenbahnromantik halten, die in diesen Gefilden einen besonderen Stellenwert hat, oder einfach für Nostalgie – aber die Straßenbahn 96 hat in unserer Region Geschichte geschrieben.
Im Jahr 1906 gab es in Preußen bereits einige kommunale Straßenbahnen. Doch die Teltower Kreisbahnen, so der offizielle Name, waren die ersten Straßenbahnen, die von einem Landkreis und nicht von einer Stadt eingesetzt wurden. Der Teltower Kreis war in jenen Tagen recht bedeutend und umfasste auch Steglitz und Zehlendorf.
Zum Zeitpunkt der Eröffnung 1888 wurden die Bahnen noch mit Dampf durch die Centralverwaltung für Secundairbahnen Herrmann Bachstein betrieben. Sie fuhren von Groß-Lichterfelde bis nach Teltow, und ab 1891 auch bis nach Stahnsdorf. Kurz vor Vollendung des Teltowkanals trieb man die Gleise bis zur Machnower Schleuse weiter.
Die Elektrifizierung der Straßenbahn wurde von Lichterfelde-Ost aus angetrieben. Die erste Elektrifizierung erfolgte von der Kadettenanstalt Lichterfelde (am damaligen Teltower See) bis Lichterfelde Ost, der zu der Zeit noch als „Bahnhof der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn“ bekannt war.
Seit 1906 hatte der Teltower Kreis den Betrieb der Linie 100 übernommen und ab 1907 mittels Strom angetrieben – zumindest den Personenverkehr. 1915 war das Streckennetz auf 15 Kilometer Länge strombetrieben. Schon zuvor übernahm man auch die Straßenbahn Steglitz, sodass 34 elektrische Triebwagen im Fuhrpark standen.
Als Steglitz und Zehlendorf 1920 mit anderen Gemeinden zu Groß-Berlin wurde, blieben die Bahnen dennoch in Teltower Hand. Erst ein Jahr später übernahm Berlin das Management. Einzig der Abschnitt zwischen der Grenze der Stadt Berlin und dem Kreis Teltow bis nach Stahnsdorf verblieb davon ausgenommen.
Es erfolgte ein Ausbau der Linie auf zwei Gleise, wobei die Trasse zwischen Stahnsdorf und Schleuse davon ausgenommen war. Ab 1930 erhielt die Verbindung ihre bekannte Nummer: Linie 96, was der Neuordnung der Liniennummersystems geschuldet war.
Die Bahn ruhte nach Kriegsende 1945 lediglich für acht Monate. Im Januar 1946 wurde sie, um eine Station verkürzt, wieder eröffnet.
Mit der westlichen Währungsunion wurde deutlich, dass es zwei deutsche Staaten geben würde, und die Tramlinie 96 überschritt diese Systemgrenze jenseits von Berlin. Dort, wo eine andere Währung galt. Je nach Zustieg musste man in DM oder (Ost-)Mark für die Fahrt bezahlen. Auch der Schaffner wechselte an der Grenze.
Dass solche Grenzfahrten keineswegs ohne waren, offenbarte ein Vorfall im Jahr 1950. Auf einer anderen Grenzstrecke wurde ein BVG-Schaffner von der Volkspolizei verhaftet. Er trug auf dem Gebiet der DDR, so die bewusst provokative Anschuldigung, die West-Uniform der BVG. Schnell war der Ruf nach Spionage in jenen Tagen erklungen. Im Anschluss fuhren die BVG-Fahrzeuge nur noch bis zur Grenze, welche nun zu Fuß zu überschreiten war. Auf Teltower Seite musste man dann in den Bus umsteigen, der die Aufgabe nicht stemmte.
So wurden in der DDR noch im selben Jahr die Gleise wieder befahren.
Mit dem Mauerbau blieb die Strecke im „Inselbetrieb“, da sie ohne jede Gleisverbindung zum übrigen Straßenbahnnetz eigenständig betrieben werden musste. Das verteuerte Reparaturen, die man in Henningsdorf oder Schöneweide vornahm. Die Fahrzeuge mussten aufwändig herangeschafft werden und nicht zuletzt hatten die Mitarbeitenden lange Anfahrtswege aus Ost-Berlin.
Als die Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde, hatte die Linie ihren Sinn verloren. Den meisten Fahrgäste verlustig gegangen, wurden Busse auf der Strecke der DDR eingesetzt. Schienen der alten Tram kann man immer noch am Ruhlsdorfer Platz in Teltow ausmachen. Ein anderes Relikt dieser Zeit macht sich durch den Mittelstreifen auf der Lichterfelder Allee in Teltow bemerkbar, denn dort verliefen einst die Gleise.
Einer der letzten erhaltenen Wagen der Linie 96 findet sich als Museum an der Schleuse in Kleinmachnow. Sie wurde 1938 gebaut und befuhr dereinst auch mal Berlin-Mitte. Zu begutachten ist sie von April bis Oktober, samstags und sonntags, von 13 bis 18 Uhr.
Bilder sind von Jochen Schulze Buschoff
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Hallo, für mich hatte die Linie 96 nach dem Mauerbau eine ganz entscheidende Bedeutung. Es ist nur eine Frage, auf welcher Seite man sich befunden hatte. So bin ich noch eine ganze Weile, nach der Schule, von Lankwitz nach Lichterfeld Süd gefahren. Wo meine Mutter ein Vereinslokal betrieben hatte. In die andere Richtung ging es bis zum Flughafen Tempelhof.
Vielen Dank für das Teilen Ihrer Erinnerung! Für viele Menschen in der Region war die Bahn von besonderer Bedeutung. Ich freue mich, dass der Artikel ihre Erinnerungen beflügelt hat.