Über die letzten drei Kriegsjahre hinweg wurde in Berlin-Lichterfelde ein Konzentrationslager (KZ) betrieben.

Zu den dunkelsten Stunden Europas gehört die Herrschaft der Nationalsozialisten aka Nazis, die mit ihrer menschenverachtenden Ideologie das Schlimmste im Menschen hervorbrachten. Dazu gehörten auch die unsäglichen Konzentrationslager, die im gesamten Europa errichtet wurden. Natürlich gab es auch im Zentrum des Faschismus solche Lager.

KZ-Außenlager Lichterfelde

Ein KZ-Außenlager von Sachsenhausen entstand in Lichterfelde unter dem Eindruck der massiven Verluste und Zurückdrängung der Wehrmacht ab dem Jahr 1942. Bis zum Kriegsbeginn 1939 wurden nur Deutsche in KZs gesteckt, danach wurden auch Menschen aus den besetzten Ländern in KZs gefangen gehalten.

Nicht nur Menschen jüdischen Glaubens, auch politisch Andersdenkende und vermeintliche “Untermenschen” wurden in diesen Lagern gesteckt. Nun ging es nicht nur um deren Vernichtung, sondern auch deren Ausbeutung als billige Arbeitskraft. Die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig und jeder SS-Angehörige konnte über deren Leben und Tod entscheiden.

Das ausgewählte Gelände war seiner Zeit eine Brache, die mit dem Teltowkanal eine natürliche Flucht- und Sichtsperre hatte. Außerdem verlief vor dem Areal eine Straßenbahn, sodass die Logistik ebenfalls gegeben war. Das KZ selbst wurde auch von Häftlingen aufgebaut, die es binnen eines halten Jahres fertigstellten. Für den Aufbau war der SS-Hauptscharführer Hermann Skopnik verantwortlich. Im Laufe der Zeit entstand dreizehn Baracken.

Insgesamt waren von Juni 1942 bis April 1945 dort 1.300 Menschen in vier Baracken gefangen. Damit war das Lager deutlich voller als geplant, was die Inhaftierten zusätzlich belastete. Das Lager war durch einen elektrischen Stacheldraht, Wachtürme und Patrouillen abgeschottet.

Die geschundenen Häftlinge wurden zu Bauarbeiten der SS und für die Räumung der Trümmer nach Luftangriffen herangezogen. Außerdem wurden sie in kriegswichtigen Firmen, wie der Barackenbaufirma in Lankwitz (Kaiser-Wilhelm-Straße) und der Spinnstofffabrik Zehlendorf (Spinne am Teltowkanal) eingesetzt.

Lagerleitung KZ Lichterfelde

Die Leitung des Lagers im Betrieb hatte der SS-Hauptscharführer Gustav Sorge inne. Dieser war für seine Brutalität bekannt. Er wurde von den Sowjets zu einer lebenslangen Zwangsarbeit nördlich des Polarkreises verurteilt. Nach der Freilassung 1956 wurde ihm in 67 Fällen Mord an Gefangenen im Lager nachgewiesen. Sorge starb 1978 in Gefangenschaft. Er wurde aufgrund eines Komplotts unter SS-Soldaten abgesetzt.

Ab Oktober 1942 übernahm SS-Oberscharführer August Höhn mit ähnlicher Brutatlistät die Leitung des Lagers. Ihm folgten SS-Oberscharführer Erwin Seifert von September 1943 bis März 1944, der SS-Untersturmführer Helmuth Sturmhöfel von März bis
Juli 1944 und SS-Obersturmführer Kurt Artur Ludewig von Juli 1944 bis April 1945. Über diese Verbrecher ist nicht viel bekannt.

Häftlinge im KZ Außenlager Lichterfelde

Die Inhaftierten des Lagers mussten eine gestreifte Kleidung tragen, damit sie überall auffielen. Diese Kleidung war dünn und bot im Winter wenig Isolierung, weshalb die Menschen sie mit Zeitungspapier fütterten. Trotz der langen Arbeitseinsätze von mindestens elf Stunden pro Tag gab es nur wenig Nahrungsmittel für die Zwangsarbeitenden. Auch Kontakt mit der Außenwelt war streng reglementiert und nur in deutscher Sprache erlaubt.

Wer sich gegen Anordnungen widersetzte, oder aus Willkür der Wächter, musste mit harten Strafen rechnen. Dazu gehörten die Prügelstrafe, das sogenannte Strafstehen, Essensentzug bei sowieso rarer Kost, die Verlegung zur
Strafkompanie im Hauptlager und last but not least der Tod. Viele wurden unter den Augen der Anwesenden erhängt.

Heldengeschichten: Der Engel von Lichtefelde und die gelungenen Fluchtversuche

Eine Heldengeschichte gibt es in diesem schrecklichen Abbild menschlicher Untiefe doch. Lieselotte Welskopf, geborene Heinrich, half unter Einsatz ihres Lebens mit einigen Helfern zusätzliche Nahrung und Medikamente in das KZ zu schleusen. Sie schrieb zudem den Roman “Jan und Jutta” über das KZ Lichtefelde. Sie ist auf dem Waldfriedhof Adlersfelde in einem Ehrengrab beigesetzt.

Die Flucht aus dem KZ in Lichterfelde gelang fünf Personen: Franz Primus, Josef Pietschmann (beide im Mai 1944), Rudolf Welskopf im Juli 1944, Hans Stapel im Februar 1945 und Rudolf Wunderlich im Juni 1944. Wunderlich, der als Kommunist bereits seit 1933 in Haft war, beschrieb seine Flucht. Er lieh sich unter dem Vorwand, es zu reinigen, ein Fahrrad von einem SS-Mann und fuhr los. Er konnte ungesehen passieren, da die SS-Posten Frauen nachschauten. Er versteckte sich zunächst in Berlin und konnte sich in Leipzig bis zum Einmarsch der US-Soldaten bedeckt halten. Er wurde später Kriminalbeamte in Leipzig.

Ende des KZ Außenlagers Lichterfelde

Als sich die sowjetischen Truppen näherten, wurden die KZs geräumt und die Häftlinge mussten in Todesmärschen gen Norden abmarschieren. Wer den Kraftaufwand nicht bewältigen konnte, wurde erschossen. Mit dem Einmarsch der Alliierten im Mai wurden die Gewaltmärsche beendet.

Das Gelände wurde am 21. April durch die SS geräumt. Anschließend plünderte die Bevölkerung das Areal, bis es am 24. April durch die Rote Armee besetzt wurde. Nach der Aufteilung der Sektoren wurde dieser Bereich zur US-amerikanischen Zone. Die US-Armee machte aus dem Gelände ein Gefängnis für deutsche Truppen, dann für belastete Personen ohne militärischen Hintergrund und schließlich ein Lager für straffällig gewordene Jugendliche bis 1953. Bis zu den 1990er Jahren war es Baustofflager.

Seit Oktober 2000 erinnert eine Stele des Bildhauers Günther Oellers und eine Inschrift an die Gräuel des KZ-Außenlagers Berlin-Lichtefelde:

“VON JUNI 1942 BIS 21. APRIL 1945 BEFAND SICH
IN DER WISMARER STRASSE 26/36 EIN
AUSSENLAGER DES NATIONALSOZIALISTISCHEN
KONZENTRATIONSLAGERS SACHSENHAUSEN.
ETWA EINTAUSENDFÜNFHUNDERT POLEN, DEUTSCHE,
BELGIER, FRANZOSEN, NIEDERLÄNDER, NORWEGER,
ÖSTERREICHER, UKRAINER, TSCHECHEN UND RUSSEN
MUSSTEN VON HIER AUS ZWANGSARBEIT FÜR ÖFFENTLICHE
EINRICHTUNGEN UND PRIVATE FIRMEN LEISTEN.
SICHTBAR FÜR DIE BERLINER BEVÖLKERUNG FÜHRTEN
SIE INSBESONDERE RÄUMUNGEN NACH BOMBENANGRIFFEN
DURCH. SIE WAREN HÄFTLINGE, WEIL SIE DEN POLITISCHEN,
SOZIALEN, RELIGIÖSEN ODER RASSISTISCHEN NORMEN
DER NATIONALSOZIALISTISTEN NICHT ENTSPRACHEN.”

Erinnerungstafel KZ Außenstelle Lichterfelde
Erinnerungstafel KZ Außenstelle Lichterfelde

Wo befindet sich die Erinnerungsstele zum KZ-Außenlager Lichterfelde?

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