Die Villa Folke Bernadotte war Zeitzeugin der Weltgeschichte im Großen und Kleinen. Das Haus ist bis heute mehr als nur eine Villa.
Die Villa steht in einem weitläufigen Mix aus alten Häusern der Gründerzeit und modernen Häusern der Nachkriegszeit, deren Bauplätze durch Bombenangriffe zustande kamen. Die lockere Bebauung war schon vor dem Krieg so angelegt. Auf alten Karten aus dem 19. Jahrhundert ist das Gelände zwar schon erschlossen, aber die Straßenführung war anders.
Entstehungsgeschichte der Villa Folke Bernadotte
Die Geschichte dieser Villa beginnt, wie die Geschichte der meisten Herrenhäuser in Lichterfelde, mit dem Grundstücksentwickler Johann Anton Wilhelm von Carstenn, dessen Domizil das „Schloss Lichterfelde“ war. Die Entwicklung von Villen für reiche Berliner prägte weite Teile des Berliner Südwestens.
Die Villa Folke Bernadotte entstand durch Carstenns Planung 1885, wie auch die Straße „Jungfernstieg“, an der die Villa liegt. Die Planungen erarbeitete Richard Reinhold Hintz, der auch andere Gebäude in der Nachbarschaft konstruierte, die ein Gesamtkonzept ergaben. Der Bauherr war Emil Drenker, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts das „Internationale Theater-Geschäfts-Bureau“ in Mitte gründete. Es war die größte Agentur für Schauspiel und Musik im gesamten Kaiserreich. Doch Drenker starb überraschend ein Jahr nach der Fertigstellung.
So bezog der pensionierte Apotheker Emil Lüdecke 1887 das Anwesen und nutzte es als Sommerhaus bis 1898, als auch er verstarb. Die Bewohner wechselten bis 1928, wobei 1916 eine Remise gebaut wurde.
Weltgeschichte in der Villa Folke Bernadotte: Manfred von Ardenne und das erste Fernsehbild
Von 1928 bis 1945 war das Haus die Wohn- und Wirkstätte des Forschers Manfred von Ardenne. Er schuf in diesem Haus, neben etwa 600 anderen Erfindungen der Physik und Medizin in seinem Leben, die Grundlagen für das Fernsehen.
Er war ein Durchstarter und gründete 1928 in dem Haus das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik in Berlin-Lichterfelde. Er feierte in diesem Jahr seinen 21. Geburtstag und blieb bis 1945 Leiter der Anstalt. In diesen Räumen entwickelte Ardenne die erste Zerstückelung eines Bildes und der Wiedergabe auf einer sogenannten „Braunsche Röhre“, die unserem Röhrenfernseher das bewegte Bild beibrachte.
Das erste Fernsehbild der Welt wurde am 14. Dezember 1930 in diesem Haus übertragen, das ein Jahr später auf der Internationalen Funkausstellung die Runde machte. Er entwickelte außerdem das Elektronenmikroskop. Es ist bis heute das einzige Gerät, mit dem man so weit in Materialien hineinzoomen kann. Alles darüber hinaus überträgt nur noch Daten, keine Bilder.
Auch im Bereich der Nukleartechnologie machte er Fortschritte, aber scheiterte glücklicherweise mit der Entwicklung einer Atombombe in Deutschland für die Nazis. Dennoch schuf er die Grundlagen für eine Technologie, die bis heute entwickelt wird: Trennung von Lithiumisotopen. Diese benötigt man zur Stabilisierung des Kernreaktors und im Bereich der Kernfusionsforschung.
Wegen dieser hervorragenden Arbeit wurde Ardenne nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetunion zwangsverpflichtet und sein gesamtes Labor folgte ihm nach Moskau, wo er an der sowjetischen Atombombe arbeitete, die die USA bereits eingesetzt hatten.
Später arbeitete er in Dresden und versuchte die „Perestroika“ umzusetzen. Nach dem Mauerfall wurde sein Institut vom Fraunhofer-Institut integriert. Er starb 1997 in Dresden, wo er auch beerdigt wurde.
Villa in West-Berlin: Warum eigentlich Folke Bernadotte?
Lichterfelde war Teil des US-amerikanischen Sektors und die US-Army nutzte die unbeschädigte Villa als Jazzclub. 1958 wurde das Gebäude dem Bezirk übereignet, in dessen Besitz es immer noch ist.
Seit jenen Tagen war es eine Einrichtung für Kinder- und Jugendliche. Das hatte auch das US-Militär entschieden, um die Jugend für die Demokratie zu begeistern. Der Name geht auf einen verdienten Diplomaten, Folke Bernadotte aus Schweden zurück, der sich vor allem durch Menschlichkeit hervorgetan hatte.
Er war ab 1945 verdienter Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes, da er während des Zweiten Weltkriegs bei der Befreiung von rund 8.000 KZ-Häftlingen half. Er war Vermittler der UN im Palästina-Konflikt 1948 und wurde dort am 17. September von der radikaljüdischen Terrororganisation Lechi ermordet. Sie wollten Israel durch die Vertreibung der Briten und arabischen Kräfte gründen. Der Mord geht auf die Forderung Bernadottes zurück, den palästinensischen Geflüchteten die Einreise in die nunmehr israelischen Gebiete zu erlauben.
Immer wieder wurden ihm Fehltritte nachgesagt, die allesamt erfunden waren. Die Rettung von Menschen aus KZs neidete ihm ein Konkurrent mit erfundenen Kontakten zu Heinrich Himmler.
Ihm zu Ehren ist das Gebäude 1958 in Villa Folke Bernadotte benannt worden.
Wo befindet sich die Villa Folke Bernadotte?
- Jungfernstieg 19
- 12207 Berlin
- GPS: 52.43231218155714, 13.32863647997133
