Rudi Wunderlich Fahrradfucht. KI-Bild
Die Geschichte wurde zusammengetragen von Thomas Schleissing-Niggemann, dem Vorsitzenden der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V. Zum Andenken an diese Flucht wird alljährlich an einem Samstag am oder nach dem 10. Juni die Rudi-Wunderlich-Gedenkfahrt in die Freiheit unternommen. Die Geschichten des Lagerlebens, der Flucht und des Lebens im Untergrund schrieb Rudi Wunderlich selbst auf. Die Broschüre darüber gibt es bei der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V.
Viele wissen nicht, dass es auch in Steglitz-Zehlendorf ein KZ gab. Die Säule der Gefangenen am Rande des Teltowkanals erinnert an diesen schrecklichen Ort und seine Verbrechen. Dieses KZ wurde als Außenlager des KZ Sachsenhausen gegründet und die Insassen wurden zur Arbeit gezwungen. Sie lebten unter unmenschlichen Verhältnissen und mussten beispielsweise den Schutt der Bomben noch während der Angriffe wegräumen. Hier zum Artikel über das KZ-Lichterfelde und die skrupellosen Täter.
Der 1912 geborene Rudi Wunderlich war schon mit fünf Jahren eine Waise und begann mit 14 eine Arbeiterkarriere als Schriftsetzer. 1926 trat er in die Gewerkschaft ein und zwei Jahre später wurde er Mitglied der KPD-Jugend und ab 1930 der KPD.
Als die NS-Zeit begann, arbeitete er im Untergrund. Doch schon im September 1933 wurde er verhaftet. Unmittelbar nach seiner Freilassung zog es ihn zurück in den Widerstand. Jedoch geriet er schnell in den Fokus des Verfolgungsapparats. Dieses Mal bekam er sechs Jahre Zuchthaus im Emsland.
Dieses Lager war anfangs politischen Gegnern des NS-Systems vorbehalten und hier entstand auch das Lied „Die Moorsoldaten“. Die Haftbedingungen im Emsland standen dem KZ-Lichterfelde in nichts nach.
Nach dem Ende seiner Haft im Emsland brachten sie ihn ins KZ Sachsenhausen, wo er „Lagerläufer“ war – ein Kurier zwischen Häftlingen und SS-Lagerleitung. Zusammen mit anderen Gefangenen wechselte Wunderlich ins KZ-Lichterfelde, wo Gustav Sorge – ein ausgesprochener Sadist – die Leitung innehatte.
Rudi Wunderlich musste in seinem Leben viel Leid ertragen. Dennoch war sein Geist voll konzentriert. Wunderlich war ein Mann voller Mut und ein ausgesprochener Stratege. Mit einer Inszenierung, zusammen mit seinen Leidensgenossen, fädelte er eine Geschichte ein, die die Nazis nicht durchschauten. Es gelang ihm sogar, die Lagerleitung im KZ-Lichterfelde austauschen zu lassen und letztlich darüber hinaus die Flucht, was nur Wenigen gelang. Ein Scheitern hätte den sicheren Tod bedeutet. So heißt es auch im Moorsoldatenlied: „Flucht wird nur das Leben kosten […]“
Drastische Strafen wegen kleiner Regelverstöße waren Normalität. Eines Tages übte sich der SS-Mann, dessen Spitzname „Knochenbrecher“ wohl auch Programm war, in seinen barbarischen Gewaltfantasien. Er prügelte mit einem Stock so sehr auf den Mann namens Gillner ein, dass ihm die Haut auf dem Hinterteil geplatzt war. Dies tat er vor den Augen zweier Frauen, die er damit offenbar beeindrucken wollte. Solche Menschen hatten das Sagen während der Herrschaft der Rechtsradikalen.
Wunderlich schmiedete gemeinsam mit dem Blockältesten, dem Lagerschreiber Hein Montanus und dem Lagersanitäter Laue einen Plan, um sich an dem SS-Offizier „Knochenbrecher“ zu rächen.
Der misshandelte Gillner erhielt Spritzen, die bei ihm ein Fieber auslösten. Zudem verabreichte man ihm vermutlich Prontosil, dessen Nebenwirkung den Effekt verstärkten. In diesem Zustand klagte Gillner über Nierenschmerzen, sodass man von einem Nierenversagen ausgehen musste. Wunderlichs Plan sah vor, den Verantwortlichen glauben zu machen, er hätte mit den vielen Rohrschlägen die Niere zertrümmert.
Dies war vor dem Hintergrund der Anweisung des obersten SS-Führers Himmler, die Arbeitskraft der KZ-Insassen zu erhalten, nicht unproblematisch. Die lancierte Meldung über den Zustand von Gillner erhielt der SS-Sadist „Knochenbrecher“ vom Arzt, der einen Sanitätswagen forderte, um den Misshandelten ins Revier nach Sachsenhausen zu bringen.
Der verantwortliche „Knochenbrecher“ wütete, bis Rudi Wunderlich ihn auf die Konsequenzen seines Handelns aufmerksam machte. Die Missachtung einer Anweisung von Himmler war keine Kleinigkeit. Die Senkung der Produktivität durch den Tod eines Häftlings kam angesichts der Kriegssituation fast schon einer „Wehrkraftzersetzung“ gleich. Diese Erkenntnis brachte den SS-Schergen ins Schwitzen. Er schaute sich Gillner an und ihm wurde klar, dass das Konsequenzen haben könnte. Dennoch verweigerte er den Wagen und die Fahrt. Zumindest blieben die Gefangenen kurzzeitig vor ihm verschont.
Am Montag erschien der Lagerleiter und Wunderlich erzählte ihm von den Geschehnissen. Etwas angetrunken ließ sich SS-Leiter Sorge den Gefangenen Gillner vorführen und beschloss, den Sanitätswagen zu bestellen. Mehr noch, der verantwortliche „Knochenbrecher“ musste sich vor ihm rechtfertigen. Bis zum Nachmittag erhielten sie auch die Nachricht, dass Gillner angekommen war und ein Bericht angefertigt wurde.
Und der Bericht verhalf dem Nieren-Plan zum Erfolg. Dessen Inhalt nicht nur den „Knochenbrecher“, sondern auch den Lagerleiter in Bedrängnis brachte. Rudi Wunderlich musste antreten, wo ihn der KZ-Leiter Sorge augenblicklich zusammenschlug. Er ließ seinen Frust ab, denn auch er musste zum Rapport antreten. In der Konsequenz mussten beide, der Lagerleiter Sorge und der „Knochenbrecher“, ihre Posten räumen. Sie wurden wegen Missachtung des Reichsführer-SS-Befehls arretiert.
Die Absetzung der Lagerleitung war ein ganzer Erfolg, doch das änderte nur wenig an der misslichen Lage der Gefangenen. Rudi Wunderlich hatte viele Arbeitseinsätze und versuchte dabei, etwas für die Gefangenen zu organisieren. Zusammen mit Jupp, einem Genossen, hatte Wunderlich regelmäßig Arbeitsdienst im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) an der Straße Unter den Eichen in Steglitz. Jupp lernte dort die Reinigungskraft Anni kennen, die ebenfalls Leidenden half.
Im Laufe der Zeit bekam Jupp Zugang zu einem Kellerraum. Dieser heimliche Ort diente sowohl dem Liebesgeplänkel – Rudi traf sich dort mit seiner Verlobten Martel – als auch als konspiratives Zentrum, wo Rudi seine Nützlichkeiten verbarg.
Er konnte sich sogar einer Pistole bemächtigen, denn er würde sich nicht kampflos ermorden lassen. Des Weiteren hatte er sich einen Dienstanzug eines Monteurs beschafft. Diese Utensilien sollten bei einer Flucht hilfreich sein, denn ein Scheitern bedeutete den Tod.
Zu den weiteren Gegenständen in dem Keller zählte ein weiches Stück Blei. Als sich die Gelegenheit ergab, stibitzte er einen steckenden Schlüssel in einer Haustür. Die SS-Schergen trugen Kisten aus dem Haus und luden sie auf einen Lkw. In einem unbeobachteten Moment griff sich Wunderlich den Schlüssel und rannte in den Keller. Dort trieb er mithilfe eines Hammers einen Abdruck des Schlüssels in ein Stück Blei. Zurück an der Tür gelang es ihm aber nun nicht mehr, den Schlüssel wieder zurück ins Schloss zu stecken. Die Schläge mit dem Hammer deformierten den Schlüssel, sodass dieser nicht mehr passte. Ein neuer Plan musste her, während Wunderlich die sich nähernden SS-Soldaten hörte. Der erlösende Einfall war, den Schlüssel nahe der Tür auf den Boden zu legen und sich aus dem Staube zu machen.
Von Weitem hörten die beiden, er und Jupp, die SS-Soldaten fluchen: Der Schlüssel wäre defekt. Als Wunderlich und sein Genosse dann scheinbar rein zufällig des Wegs kamen, fragten sie schelmisch nach dem Anlass des Schreiens. Die SS-Leute bestätigten, dass der Schlüssel auf dem Boden lag. Wunderlich nahm den Schlüssel in Augenschein und konstatierte, dass sie vermutlich mit ihren eisernen Stiefeln darüber gelaufen seien. Eine Kerbe, die er faktisch selbst verursachte, würde gut zum Schuhabdruck passen. Für die Nazis klang das plausibel genug. Die Tür wurde mittels eines Generalschlüssels versperrt. Doch das Schloss wurde schon kurze Zeit später ausgewechselt, was dem Abdruck den Nutzen raubte.
Allerdings setzte das Wissen über den Generalschlüssel bei Wunderlich einen neuen Plan in Gang. Schnell fanden sie heraus, dass das begehrte Stück Metall am Schlüsselbrett der Wache hing. Also entfaltete sich ein neues Komplott.
Im April 1943 kam eine Ladung am hinteren Tor der Anlage an und der Wachmann musste einen längeren Weg zurücklegen, sodass Wunderlich seinen Fluchtplan in die Tat umsetzte und der General-Schlüssel zum Einsatz kam. Dass der Wagen gerade am Tor hängen blieb, womit der Wachmann an der Rückseite des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt beschäftigt war, war kein Zufall. Mit einem Dietrich verschaffte sich Wunderlich Zugang zur unbemannten Wache und nahm einen Schlüssel von der Schlüsselwand. Wie sich bald herausstellte, war es der falsche Schlüssel. Wunderlich ging mit steigendem Puls ein weiteres Mal in den Wachraum und holte den richtigen, den Generalschlüssel.
Qua Zeichen übermittelte Wunderlich seinen Triumpf. Jetzt standen den Gefangenen buchstäblich alle Türen offen. Der Verlust des Generalschlüssels wurde zwar nach zwei Wochen festgestellt, doch das hatte nur die Konsequenz, dass der Wachmann versetzt wurde. Ein Auswechseln der Schlüssel war wohl zu teuer oder zu aufwändig. Ein neuer Plan musste her, um den Schlüssel zu nutzen.
Wenige Tage später fielen Bomben über Lichterfelde. Ein Abwurf traf ausgerechnet die Baracke, in der der Generalschlüssel aufbewahrt wurde, und hinterließ einen Aschhaufen. Es dauerte etwas, bis sie endlich danach suchen konnten, und tatsächlich fanden sie ihn. Doch es stellte sich die Frage: Funktionierte er überhaupt noch? Es dauerte lange Tage, bis Wunderlich und seine Genossen in die Lage kamen, die Frage zu beantworten. Und ja, der Schlüssel war weiterhin verwendbar.
Der Bombenangriff beschädigte auch die Wohnung eines Fahrers. Wunderlich wurde angewiesen, den Schaden zu beseitigen. Eigentlich wäre es die Aufgabe der SS-Wachleute gewesen, doch sie übertrugen sie den Häftlingen. Die Wohnung verfügte über ein Telefon und Rudi Wunderlich hatte ganz offiziell den Schlüssel dazu.
Genau dieser Umstand, dass viele KZ-Häftlinge auch für den persönlichen Profit der SS-Schergen arbeiten mussten, war Grund für umfangreichere Untersuchungen. Dabei wurden auch Spitzel der Gefangenen enttarnt. Dieses Risiko wollte Wunderlich nicht eingehen. Der Wille zur Flucht hatte sich verfestigt und ein Versteck war auch schon gefunden.
Die Gewohnheiten des samstaglichen Wachmanns kannte Wunderlich gut: Er nahm ein Bad und ließ sich massieren. Das vermutete Zeitfenster für die Flucht betrug zwei Stunden. Das Fluchtmittel übergab der Wachmann selbst: Ein Fahrrad, das Wunderlich reparieren sollte. Es war der 10. Juni 1944.
Ausgestattet mit der Pistole, dem Monteursanzug und einer SS-Kopfbedeckung (SS-Schiffchenmütze) machte er sich auf den Weg. Die Tür öffnete sich durch den Generalschlüssel und sein Blick ging zu beiden Seiten: Die Luft war rein!
Der Weg in die Freiheit führte aus dem Verwaltungshauptamt auf die davorliegende Straße Unter den Eichen, so wie sie auch heute noch heißt. Er passierte unbeachtet einen Wachposten, der sowieso mehr an den Frauen interessiert war. Nach rund 400 Metern fuhr ihm der Lagerleiter in seinem Auto auf der Straße entgegen. Doch Wunderlich blieb unerkannt auf dem Fahrrad. Er strampelte weiter in Richtung Rathaus Steglitz und wechselte seine Kopfbedeckung. Über den Alexanderplatz ging es zur Schliemannstraße, wo sein Versteck war.
Trotz der Gefahren hinterließ er das Fahrrad in Steglitz mit einem Verweis, dass er nicht als Dieb betrachtet werden wolle.
Rudi Wunderlich starb im Jahr 1988 mit 76 Jahren in Berlin.
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