Fahrradweg Goerzallee
Ich wollte bei Grün mit dem Rad eine Straße queren. Noch bevor ich in die Pedale trat, prüfte ich den Verkehr. Zum Glück, denn ein Lkw mit einem aufgeladenen Container bretterte noch in vermeintlich letzter Sekunde an mir vorbei. Ohne den prüfenden Blick hätte es echt schlecht für mich ausgesehen. Der Lkw war vermutliche 50 km/h schnell und hätte mich sicherlich 20 Meter mitgeschleift, was meine Überlebenswahrscheinlichkeit spürbar reduziert hätte. Ich erhob meine Arme zum Protest, was der Fahrer mir mit Gleichgültigkeit quittierte.
Kurz darauf nahm mir ein Kleintransporter die Vorfahrt. Als Beweis seiner Gleichgültigkeit zeigte mir der Fahrer noch den Vogel. Das sind keine Einzelfälle, es passiert mehrmals am Tag. Es ist gefährlich – für mich und alle Radfahrenden und vor allem: Ich habe es so satt!
Seit langer Zeit bin ich mit dem Rad unterwegs und nehme selbstverständlich auch wahr, dass sich immer mehr Verkehr durch die Straßen drängelt. Und das geht so einfach nicht weiter. Der Autoverkehr muss eingeschränkt werden, um dem Radverkehr mehr Sicherheit zu geben. Nicht nur der Umwelt und dem Klima zuliebe, sondern schlicht und ergreifend, weil es unhaltbar gefährlich für die Menschen ist.
Es ist der Autoverkehr, der die große Gefahr darstellt. In Berlin waren 2024 fast zwei Drittel aller Verkehrstoten zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs – zusammen 63,6 Prozent aller Verkehrstoten der Stadt.
Man stelle sich eine Katastrophe in Berlin und Brandenburg vor, wobei 170 Menschen sterben. Und das jedes Jahr! Was wäre es für ein Aufruhr!
Die Autofahrenden verstehen oft nicht, warum sich Radfahrende über so „Kleinigkeiten“ wie Vorfahrt oder Abstand beschweren. Das liegt daran, dass das Fahrrad keine Knautschzone hat. Kontakt mit dem Blech ist schlimmer als ein „Lackschaden“.
Und gefährliche Szenen ereignen sich mehrmals am Tag – geschätzt alle zwei Kilometer in Berlin und dem direkten Umland. Bei einer Strecke von 4-5 Kilometern erlebe ich bestimmt zwei Mal, dass jemand mit einem Abstand von etwa 50 Zentimetern an mir vorbeirauscht. Und zwar einfach, weil ein Auto im Gegenverkehr fährt. Nur zur Erinnerung, das Fahrrad steht auf zwei Rädern und vielleicht sitzt darauf eine ältere Dame, ein älterer Herr? Beim Losfahren machen einige Radfahrende einen Schlenker und vielleicht sorgt eine Unebenheit für eine Beeinträchtigung des Lenkens. Es gibt viele gute Gründe, den Abstand zum Radverkehr einzuhalten.
Wie oft ist ein Auto oder ein Transporter aus einer Auffahrt an die Straße herangefahren, um nach dem Autoverkehr zu schauen, ohne auf den Radverkehr zu achten? Gefühlt alle 500 Meter. Dass man auf dem Radweg steht, ist vielen einfach egal. Ich stell mich doch auch nicht quer mitten auf die Straße und beschimpfe die Autos, die mich zum Verlassen auffordern. Viel zu oft musste ich schon eine Vollbremsung machen, weil ein Auto plötzlich auf dem Radweg stand.
Dass viele Autos auf dem Radweg parken oder „mal kurz anhalten“ – zeugt von der Rücksichtslosigkeit gegenüber den Radfahrenden. Den Autoverkehr will man ja nicht behindern, beim Radverkehr scheint das irrelevant. Das spiegelt sich auch in der Politik – je weiter rechts, desto schlechter ist es um das Rad bestellt. Ich denke, das ist allen klar.
Wie es um die Teilhabe der Radfahrenden im Verkehr steht, davon zeugen gleichfalls die Fahrradwege. Ja, es geht auch um Wurzeln, Absätze und Glasscherben. Es geht darum, dass sie im Winter nicht geräumt werden. Dabei ist Teltow, das muss ich sagen, deutlich besser als Berlin. Dafür sind Radwege in Teilen von Brandenburg Zuckersandpisten.
Es geht um Radwege, die einzig dem Namen nach befahrbar sind. Und wehe der Person, die auf dem Rad auch etwas geladen hat. Tatsächlich ist mir schon mal ein Laptop auf einer der vielen Holter-die-Polperstrecke kaputtgegangen. Im Inneren des Laptops im Fahrradkorb lockerten sich durch den desolaten Zustand der Fahrbahn die Anschlüsse und leider auch bei der Festplatte. Stell Dir mal vor, das würde mit dem Auto passieren.
Neben dem Zustand ist es auch die Breite des Fahrradwegs. Die Spannbreite lässt die Länge eines Lineals vermuten, doch tatsächlich soll es ein ganzer Meter in der Goerzallee sein. Das ist für heutige Standards zu schmal. Der Abschnitt mit den anschließenden Parkplätzen sollte dem Wikipedia-Artikel über Absurdität als bildliche Darstellung dienen.
Ich bin undankbar, ich weiß, auf der gegenüberliegenden Seite fehlt ein Radweg gänzlich. Aber dieser Streifen schreit jeder Radfahrerin und jedem Radfahrer die staatliche Geringschätzung ins Gesicht.
Auf dem Radweg stehen ist eine Ordnungswidrigkeit und heißt: Vorfahrt nehmen. Das Bußgeld liegt bei bis zu 170 Euro. Das Überholen von Radfahrenden muss im Abstand von 1,50 Meter innerorts und 2 Metern außerorts erfolgen. Das ist auf demselben Fahrstreifen fast nie möglich. Ich weiß, es ist brutal – aber man muss als Autofahrer*in einfach mal abbremsen und warten. Und das macht fast niemand und das kostet ab 80 Euro.
Die Politik versucht derzeit, nicht nur den Radverkehr – alle vulnerablen Verkehrsteilnehmenden stärker zu gefährden. Dass das der falsche Weg ist, ist längst bewiesen.
Es braucht strukturelle Sicherheit für Radfahrende. Einfach deshalb, weil das Fahrrad beim Unfall den Kürzeren zieht. Einfach weil unter Kindern viele Radfahrende sind. Und als ehemaliger Autofahrer weiß ich, dass es auch anders geht – wenn man will.
Und die Rechtslage bietet den Radfahrenden die Möglichkeit, solche Verstöße zur Anzeige zu bringen. Sollte man dieses Mittel einsetzen? Das Handy als Beweismittel hat man ja immer bei sich. Oder sich das Kennzeichen, die Farbe und den Fahrzeugtyp merken – und online seine Anzeige machen? Was denkt ihr?
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