Ein kleiner Bau abseits der Wege im Wald bei Genshagen, von der Natur längst umwachsen, war einst eine Bevorzugung der „Herrenmenschen-Feinde“. Es war ein Gesinnungslager, um Briten von der NS-Ideologie zu überzeugen.

Das Waldstück zwischen Großbeeren und Ludwigsfelde ist bei Erholungssuchenden und Freizeitsportler*innen gleichermaßen beliebt. Ob Pilze sammeln, reiten oder spazieren gehen – das Wäldchen ist ein schönes Stück Natur. Doch ganz unberührt ist das Gelände nicht. Ich fand eine Ruine aus früheren Tagen im Wald.

Wegen der bunkerartigen Beschaffenheit ging ich von einer Flakstellung aus, doch dem war nicht so. Vielen Dank an die aufmerksamen Kritiker*innen, vor allem an „Joe“. Denn was dort im Wald liegt, war kaum zu erwarten: Ein Gesinnungslager für feindliche Herrenmenschen.

Die Insassen waren Briten, die nach der lächerlichen Rassenideologie der Nazis ebenfalls zu dieser „Rasse“ zählen würden. Zumal es in Großbritannien, wie auch in den USA, damals Anhänger des Faschismus gab.

„Ferienlager“ – Rekrutierung britischer Gefangener

Das Areal war zu Beginn ein Lager für die Hitlerjugend und wurde dann als Arbeitslager genutzt. Im Frühsommer 1943 probierten sich die Nazis wohl an neuen Konzepten und gründeten zwei sogenannte „Ferienlager“. Es waren Lager mit einigen Annehmlichkeiten und permanenter Propaganda. Die Gefangenen durften sogar ein Theater in Berlin besuchen oder wurden von deutscher Kultur unterhalten. Damit wollte man die britischen Offiziere auf die dunkle Seite ziehen oder zumindest Informationen erhalten. Ganz konkret wollte man eine Truppe für den Einsatz im Osten zusammenstellen.

Eines davon – für die niederen Offiziere der britischen Armee – wurde in Genshagen errichtet. Hier erhielten sie Zugang zu einer Bibliothek oder bessere Essensrationen. Das Lager selbst hatte nicht mal Wachtürme und die Mauern wurden mit Hecken verdeckt. Außerdem durften die Gefangenen einen Sportplatz in der Nähe nutzen, der größer als der im Lager war.

Bei dem schweren Bombenangriff im August 1944 wurde nicht nur das Motorenwerk Genshagen, sondern auch dieses Lager getroffen. Das ging nicht unwesentlich auf die Informationen von John Brown zurück, der den Standort der Flugzeugmotorenproduktion verriet.

John Brown: Verdeckte Spionage im Gesinnungslager

Vorweggesagt: Das Lager hatte kaum den gewünschten Erfolg. Während die Deutschen versuchten, etwas aus den britischen Offizieren herauszubekommen oder sie als Einheit gegen den Bolschewismus aufzustellen, hatten die Briten ihrerseits einen Spion in genau diesem Arbeitslager.

Unteroffizier John Henry Owen Brown war ein ausgebildeter Spion in den Diensten der britischen Krone. 1940 kam er tatsächlich in Kriegsgefangenschaft und erschien den Deutschen als Gesinnungsgenosse. Er war im britischen Zusammenschluss der Faschisten (BUF) und genoss daher ein gewisses Wohlwollen bei den Nazis. Dank seiner Ausbildung konnte er sich die nötige Ausstattung besorgen und erhielt 1943 den Befehl, sich in Berlin um Doppelagenten unter den Gefangenen zu informieren. Als Unteroffizier mit faschistischen Anleihen überstellte man ihn ins Lager Genshagen, wo er sich bald als Anführer der Gefangenen hervortat.

Im Auftrag der Briten sollte er verhindern, dass sich britische mit deutschen Faschisten verbünden – und das gelang ihm. Außerdem wurde er fündig, was Doppelagenten betraf. Nur 30 Briten wechselten trotz Zuckerbrot und Peitsche die Seiten und wurden Teil eines Korps im Einsatz für die Faschisten.

Gefährliches Spiel von John Brown und Margery Booth

Eine Sängerin, die den Namen ihres deutschen Mannes „Strohm“ annahm, kam in das Lager. Sie hatte ein Engagement an der Berliner Staatsoper, stammte aber aus Großbritannien und hieß mit Mädchennamen Margery Booth.

Mit einigen probritischen Liedern ließ sie ihre antifaschistische Einstellung durchblicken. John Brown und Margery Booth wurden zu einem wichtigen Duett der britischen Spionage, denn sie hatte Zugang zum inneren Zirkel des Regimes und brisanten Informationen.

Brown verstand sich mit den Deutschen so gut, dass er mit einem Sonderausweis unbewacht nach Berlin durfte. Er kleidete sich im Wald neu ein und fuhr in die Hauptstadt des NS-Reichs, wo er für den britischen Geheimdienst eine Person namens John Amery prüfte, die ein britisch-deutsches Freikorps aufstellen wollte. In Berlin lebte Brown mit einer Geliebten zusammen, deren Wohnung für konspirative Treffen genutzt wurde.

Brown wurde im Herbst 1944 verraten und verhaftet. Er schob die Schuld auf die Juden – und hatte Erfolg. Zur Sicherheit übergab er alle gesammelten Informationen an die Opernsängerin Margery Booth, die sie auf dem Gelände des Schlosses Cecilienhof in Potsdam vergrub.

Die Leitung der Lager wurde zu der Zeit an die SS übergeben, weshalb neue Untersuchungen anliefen. In diesem Zuge wurden Brown und seine Leute vergeblich verhört und anschließend in ein anderes Lager nach Lamsdorf verbracht, denn das „Ferienlager“ wurde geschlossen. In diesem Lager töteten sie einen SS-Offizier und flohen mit dessen Fahrzeug zur US-Front.

Nach dem Krieg wurde Unteroffizier John Henry Owen Brown für seine Dienste ausgezeichnet. Er starb bereits mit 56 Jahren in England. Margery Strohm, geborene Booth, wurde 1944 ebenfalls von der Gestapo verhaftet. Trotz der Folter verriet sie keine Informationen und wurde wieder entlassen. Sie ging nach Großbritannien, wo man sie fälschlicherweise als Nazi-Sympathisantin ablehnte. Dabei übergab sie die Informationen von Brown, wodurch die Überläufer enttarnt werden konnten. Sie starb mit 46 Jahren in New York.

Die Informationen wurden vom Heimatverein Ludwigsfelde zusammengesammelt.

Wo befindet sich der Gebäuderest?

  • Wald zwischen Genshagen und Ludwigsfelde, nahe des „Teltower Wegs“
  • genaue Angabe nicht möglich
  • In etwa hier: 52.3257914698648, 13.297355590838272 (GPS)

 

 

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