Unbestritten ist das Erbe der Rieselfelder problematisch. Schwermetalle, Ölrückstände und andere chemische Giftstoffe liegen unsichtbar im Erdreich. Mit dem Klimawandel werden diese Böden trockener. Könnten die Schadstoffe im Boden nun zu einem Gesundheitsrisiko werden und wie reagieren die zuständigen Stellen?

Die Rieselfelder wurden vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis teilweise in die 1990er Jahre genutzt. Man entleerte dort die Abwässer, die in Berlin anfielen. Nicht nur die Abwässer aus den Haushalten, auch der Regen und Industrieabwässer wurden auf diese Weise entsorgt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es die bevorzugte Methode zur Abwasserentsorgung.

Mit dem Abwasser kamen zahlreiche Giftstoffe ins Erdreich, darunter Schwermetalle wie Blei. Die Werte reichten bei Messungen an einer Stelle bis zu 1.360 mg/kg. Normalerweise geht man von 70 mg/kg aus. Und Blei ist beileibe nicht der einzige Schadstoff, der in den Rieselfeldern von Osdorf bis Kleinbeeren, von Ruhlsdorf bis nach Ludwigsfelde und von Güterfelde bis Nudow lauert. Andere giftige Schwermetalle, die man in den Böden fand, sind Cadmium, Kupfer, Quecksilber, Nickel und Zink. Sie wirken sich negativ auf die Fortpflanzung und / oder das Nervensystem aus und sind oftmals krebserregend.

Hinzukommen organische Gifte wie PCB (Polychlorierte Biphenyle), PAK (Polycyclische Aromaten) oder MKW (Mineralölkohlenwasserstoffe) mit ebenfalls schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit. Dazu zählen Krebs, Erbgutschäden, Beeinträchtigungen von Immun- und Nervensystemen sowie Schädigung der Leber und Nieren.

Daher ist vom Sammeln von Kräutern und Pilzen auf den ehemaligen Rieselfeldern abzuraten (Link führt zum ersten Teil über die Rieselfelder).

Eine Belastung mit den Schadstoffen könne nicht ausgeschlossen werden, erklärt die Untere Umweltbehörde Potsdam-Mittelmark (UWB PM) auf Nachfrage. Der Nutzung durch Erholungssuchende stünde das Gelände aber uneingeschränkt zur Verfügung.

Die Grenzwerte für die Freizeitnutzung werden größtenteils nicht überschritten, weshalb die Behörden und die Flächenverwalterin, Berliner Stadtgüter GmbH, keinen Grund für eine Besorgnis sehen. Diese Grenzwerte variieren je nach Nutzung. So darf man das Gelände zur Freizeitgestaltung nutzen, nicht aber für Wohnen, Landwirtschaft oder zum Bau von Spielplätzen. Für Spielplätze gelten die striktesten Grenzwerte, denn Kinder spielen oft in Bodennähe und das Einatmen, ja schon der Hautkontakt mit der Bodenbelastung kann gesundheitliche Konsequenzen haben.

Gegenmaßnahmen auf den Rieselfeldern

Diese Giftstoffe verbleiben für lange Zeit in den Böden. Während die PAK, PCB, MKW und Cyanide in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten abgebaut werden, bleiben die Schwermetalle für immer da – sofern sie nicht weggeschafft werden. Eine solche Dekontamination ist bisher nicht angedacht. Die Kosten dafür wären wohl sehr hoch.

Daher beschränkt man sich darauf, dass beispielsweise die Schwermetalle an Ort und Stelle bleiben. Die meisten Schadstoffe befinden sich derzeit in der obersten Erdschicht. Blei, PAK, PCB oder MKW liegen in den ersten 10 Zentimetern der Erde. Fast alles findet man in den ersten 50 Zentimetern. Doch einige Elemente, wie beispielsweise Blei, können wandern, nämlich dann, wenn der Boden sauer und sandig ist. Beides ist hier der Fall. Um zu verhindern, dass die Chemikalien ins Grundwasser absickern, wofür es derzeit keine Anzeichen gibt, ergreift man Gegenmaßnahmen. Zu den Maßnahmen zählen Kalkung zur Erhöhung des pH-Werts, Aufforstung, Feuchthaltung und Mulchung. Da die Stoffe ganz verschieden auf dem Terrain verteilt sind, muss man flächendeckend vorgehen.

Fragen an: Berliner Stadtgüter GmbH

Diese Aufgabe leistet beispielsweise die Immobiliengesellschaft „Berliner Stadtgüter GmbH“ (BSG), welche die ehemaligen Rieselfelder der Stadt Berlin verwaltet.

Die BSG ist eine 100-prozentige Tochter des Landes Berlin und ist damit verpflichtet, auf Anfragen nach dem Berliner Informationsfreiheitsgesetz (IFG) und Umweltinformationsgesetz (UIG § 3 Absatz 1) zu antworten, insbesondere wenn es um Umweltbelastungen wie Boden- oder Altlasten geht. Es bedarf dabei keinerlei Angaben von Gründen, Betroffenheit oder Anwohnerschaft.

Mit diesem Wissen stellte ich einige Fragen an die BSG. Zu meiner Überraschung wollte die Stabsstelle der Geschäftsführung der BSG zunächst mehr Informationen über meine Seite berlin-teltow.de haben. Obwohl die BSG auch gegenüber Privatpersonen auskunftspflichtig ist, forderte man mein Impressum an. Es schien, so der Wortlaut: „gut versteckt zu sein.“ Als ich den Link zum Impressum, welches sich wie bei so ziemlich jeder Seite im Footer befindet, zusendete, bekam ich Auskunft.

Der Grund für das Impressumsinteresse, so die opponierend anmutende Antwort, war: „Wie Sie wissen, gibt es eine Impressumspflicht. Deshalb hatte es mich gewundert, auf Ihrer Seite keines zu finden und ich hatte nachgefragt.“ Diese Antwort ließ mich verwundert zurück.

Fragen an BSG
Fragen an Berliner Stadtgüter GmbH

Die 9 Fragen, die ich ausgearbeitet hatte, wurden allerdings nur oberflächlich beantwortet. Dazu gehörten jedoch zentrale Punkte: Zur Vorsorge auf den 2.000 Hektar Fläche setzt BSG vor allem auf Bewuchs gegen Erosion und Kalkungen, um die Schwermetalle am Absickern ins Grundwasser zu hindern. Zudem verweist das Unternehmen auf Forschungsprojekte mit der HU und TU, um die Schwermetalle zu binden. Erste Laboruntersuchungen fielen positiv aus, so das BSG, und es gäbe auch bereits Feldversuche in Wansdorf.

Bei einer Freizeitnutzung gäbe es keinerlei Grund für eine Warnung des Areals. Essbare Kräuter, so die BSG, gäbe es nicht in relevanten Beständen. Auf das Sammeln von Kräutern oder Pilzen ist man nicht eingegangen.

Genauere Fragen wie die Lage belasteter Flächen, Monitoring-Daten oder konkrete Messwerte wurden trotz Nachfrage nicht genannt. Es gab nur einen Verweis auf ‚betriebliche Gründe‘, was recht enttäuschend und meines Erachtens auch nicht zulässig ist. Weitere Rückfragen, auch zum Grund der Auskunftsverweigerung, wurden nicht mehr beantwortet.

Klimawandel: Trockenheit von belasteten Böden

Dabei drängte sich mehr und mehr eine Frage bzw. ein Zusammenhang auf:

Da viele der Giftstoffe in den ersten 10 Zentimetern Erdreich liegen – was geschieht, wenn die trockene und daher staubige Erde in die Luft geblasen wird? Es ist doch denkbar, dass diese staubige Luft eingeatmet wird. Womöglich kann der Staub mit dem Wind auf angrenzende Gebiete wehen?

Das Szenario betrifft vor allem die Giftstoffe: Blei, Cadmium, PAK und PCB. (Siehe: Band 9 (1995), Staub als Expositionsweg bei Trockenheit/Wind) Zudem kann Trockenheit die Mobilität der Schadstoffe erhöhen. (Siehe: Fachbeitrag 77)

Denn Trockenheit wird es künftig öfter geben und die Dürrejahre des letzten Jahrzehnts offenbaren einen Trend. Die Hitzetage nehmen zu, der Niederschlag ab. Die Konsequenz dieser Entwicklung ist die Austrocknung der Böden. Schon jetzt sieht man riesige Staubwolken, wenn die Traktoren über so manches Feld in Brandenburg fahren.

Ich richtete die Frage nach der Konsequenz der Trockenheit durch den Klimawandel in Bezug auf die Rieselfelder auch an die Untere Umweltbehörde Potsdam-Mittelmark (UWB PM).

Gibt es Hinweise darauf, dass durch zunehmende Trockenzeiten die Gefährdung durch aufgewirbelte, schadstoffbelastete Bodenpartikel auf ehemaligen Rieselfeldern steigt? Gibt es Studien oder offizielle Warnungen zum Aufenthalt auf solchen Flächen bei Trockenheit? Sollten Kinder vom Spielen auf den Flächen bei Trockenheit absehen?

Bei dieser Frage verwies die Behörde zunächst auf Personalmängel. Doch die Zeit verging und seit Mitte Juni gibt es auch zu dieser Behörde keinen Kontakt mehr, obwohl man zuvor umfänglich auf meine Fragen eingegangen ist. Und ich muss gestehen, dass mir die ausbleibende Antwort zur Frage der Trockenheit belasteter Böden zweier Institutionen zu dem Thema Sorgen bereitet.

Es ist im Zweifelsfall aber nicht die Schuld der Behörden oder der betreffenden Unternehmen wie der Stadtgüter Berlin GmbH. Es ist der Klimawandel, der uns die Zeit zum Handeln nimmt. Es ist der Klimawandel, der leider immer noch nicht ernst genommen wird.

Fazit: Nach meiner laienhaften Meinung sollten Kinder bei längerer Trockenzeit nicht auf den Rieselfeldern spielen – sich gar nicht dort aufhalten. Und das gilt vermutlich auch für Erwachsene mit Vorerkrankungen, für Schwangere und stillende Mütter, da die Schadstoffe über die Mutter auf das Kind übergehen könnten. Eine offizielle Warnung gibt es aber nicht. Ein Besuch der nicht allzu trockenen Rieselfelder, um sich die Natur anzusehen oder ein wenig Erholung zu finden, kann man aber – nach meiner Recherche – unbedenklich empfehlen.

Panik? Nein! Achtsamkeit? Auf jeden Fall! Dafür muss man selbstverständlich zunächst über die Belastung Bescheid wissen.

KI Bild möglicher Austrocknung der Rieselfelder
KI Bild möglicher Austrocknung der Rieselfelder

2 thoughts on “Staub, Giftstoffe und spielende Kinder: Klimawandel auf den Rieselfeldern

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