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Spinne Zehlendorf | Lost-Place der Industriegeschichte am Teltowkanal

Heute ist das Gelände hermetisch umzäunt und soll der Natur überlassen sein. Das kleine Idyll begann einst als Pionier der Industrialisierung in Zehlendorf, respektive Schönow. Es ist die Geschichte der sogenannten Spinne.

Wer den „wilden Weg“ entlang des Mauerwegs kennt, hat sich bestimmt schon mal gefragt: „Was ist das hinter dem Zaun für ein Gelände?“ Es zieht sich vom Teltower Damm am Teltowkanal entlang bis zum Stichkanal. Man erahnt ein Gewässer, hört zuweilen mal einen Frosch quaken oder einen Reiher aufsteigen – aber was ist da, so ganz von der Natur zurückerobert?

Dieser exponierte Platz verfügt tatsächlich über einige Gewässer. Und von seinem reichen Baumbestand fällt gelegentlich ein Exponat auf den am nördlichen Teltowkanal befindlichen Mauerweg. Der Volksmund nennt das Gelände „Spinne“, denn es war auch mal die Spinnstofffabrik Zehlendorf.

Der Teltowkanal und die Industrialisierung

Bevor der Teltowkanal gebaut wurde, war Schönow von Feldern umgeben. Durch dessen Bau siedelten sich Firmen an wie später auch das Goerzwerk. Schon vor der Fertigstellung des Teltowkanals 1906, kaufte die Elberfelder Papierfabrik das Gelände 1904. Sie produzierten ab 1906 Kartons und Fotopapier. Doch die Nachfrage blieb trotz der enormen Investitionen hinter der Erwartung zurück und man versuchte sich ab 1919 in der Produktion von Zellstoffen, was sich in den 1920er Jahren durchsetzte. Es war die Gründung der Spinnstofffabrik Zehlendorf. Zum Sortiment gehörte vor allem Viskose (Kunstseide). Die Papierproduktion wurde 1928 eingestellt. Aus der Papierfabrik wurde die Schönower Immobilien AG.

In den 1930er Jahren wurde das Sortiment erweitert und das Betriebsgelände vergrößert. Aus Richtung des Stichkanals kommend expandierte man bis zum Teltower Damm. Dort wurden die Becken des Klärwerks gebaut, die als Überreste des ursprünglichen Betriebsgeländes erhalten blieben.

Spinne und die Zwangsarbeiter

Der Absatz stieg im Zweiten Weltkrieg an – nicht zuletzt wegen der Uniformennachfrage, aber auch wegen Fallschirmen oder Verbandsmaterial. Daher wurde die Produktion erhöht und die Arbeiter wurden vom Außenlager des KZ Sachsenhausen zwangsrekrutiert. Sie waren unter unmenschlichen Bedingungen einquartiert. Diese etwa 300 Häftlinge, Männer wie Frauen, wurden erst im April 1945 durch die Rote Armee befreit. Die Industrieanlage blieb trotz der Kampfhandlungen von größeren Beschädigungen verschont. Die vorhandenen Maschinen wurden fast vollständig demontiert und in die Sowjetunion verbracht.

Spinne in der Nachkriegszeit

Trotz der abgeschnittenen Absatzmärkte jenseits des späteren Eisenvorhangs, gelang die Renaissance des Unternehmens nach dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings produzierte man nun Perlon, eine Kunstfaser ähnlich wie Nylon, und diese Fabrikation hatte einen olfaktorischen Nebeneffekt. Die Wolke zog besonders im Sommer über die Häuser. Es roch dann stechend, süßlich-beißend und teils wie Ammoniak oder fauler Abfall.

1960 kaufte Hoechst das Unternehmen und man produzierte künftig eine Polyesterfaser namens „Trevira“. Trevira war eine süddeutsche Produktion und begann als irrtümlicher Patenteintrag. Eigentlich wollte man den Kunststoff nach dem lateinischen Wort für Augsburg benennen, verwechselte diesen jedoch mit der lateinischen Version von Trier, sodass der Name Trevira entstand.

Schon 1978 wurden Teile des Areals verkauft, denn die Geschäfte liefen nicht so gut. Es gab viele Entlassungen und die Belegschaft wurde stark reduziert. Doch auch die Investitionen erwiesen sich als aussichtslos, sodass die Produktion 1997 eingestellt wurde.

1999 übernahm ein US-Baustoffproduzent, Johns Manville die Spinne und neue Firmen siedelten auf dem ehemaligen Gelände, von dem nur noch das Klärwerk verblieb.

Lost-Place: Spinne Zehlendorf

Dieses Areal wird inzwischen vom Bezirk überwacht und ist verwachsen. Die verwunschene Industriebrache ist also der letzte Rest der „Spinne“, deren Gifte jahrzehntelang in den Boden sickerte. Gerade das Klärwerk ist stark belastet. Auch hier, wie in den Rieselfeldern, tummeln sich Schwermetalle wie Blei, Quecksilber oder Cadmium.

Das Wasser der Anlage wird heute künstlich hinzugefügt, um zumindest der angestammten Natur den Platz zu lassen. Erst 2023 stürzte bei einem Sturm die Mauer am Mauerweg ein. Auf dem Gelände sind einige Becken zu erspähen, die Amphibien und Wasservögeln eine Heimat bieten. Auch Schmetterlinge oder Libellen, Enten oder Reiher nennen die Spinne ihre Heimat, die sich weitgehend ungestört nutzen können.

Zentral findet sich ein kleines Pumphäuschen, das über Kanäle mit den anderen Becken verbunden ist. Davor ist ein Rundbecken. Ein Steg führt ins Zentrum des Beckens, wo die Natur das eingebaute Holzkorsett bald überwunden hat.

Ein beeindruckender Lostplace, allein ob der Natur, die sich das Gelände längst einverleibt hat. Viele Informationen konnte ich dem Jahrbuch des Heimatvereinzehlendorfs von 2012 entnehmen.

Wo befindet sich die „Spinne“?

Zwischen Teltower Damm und Stichkanal, direkt am Teltowkanal. Der Zugang ist nicht möglich. Gelegentlich gibt es Führungen über das Gelände.

  • Berlin-Zehlendorf / Berlin-Lichterfelde
  • GPS: 52.40528655210087, 13.271396184800368
meister

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